Wer ist Sahra Wagenknecht?
Und wenn ja, wieviele?

Sahra Wagenknecht ist die Sphinx unter den Politikern. Sie birgt ein Geheimnis. Und dieser Eindruck nimmt mit fortschreitenden Alter keineswegs ab. Im Gegenteil. Als Mittfünfzigerin, wo Hollywood-Stars oft in Nebenrollen abgeschoben werden, gerät sie ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit. Vielen erscheint sie als Hoffnungsträger. Politische Gegner bieten ihr Zusammenarbeit auf »Querfront«-Basis an, während die Parteigenossen der Linken sie hassen. Aber gleichgültig lässt sie kaum einen. Kritiker rechnen Wagenknecht angebliche Widersprüche vor. Viele davon halten einer genaueren Betrachtung nicht stand. Interessanter ist dagegen die Erforschung, wie ihre zahlreiche Facetten und scheinbaren Antagonismen in der Tiefe ihres Charakters miteinander verwoben sind.

Bekannte sich Goethes Faust noch zu zwei Seelen in seiner Brust, wirkt das seit dem 20. Jahrhundert allzu bescheiden. Nach Psychoanalyse, Neurobiologie und dem Tod des Subjekts in der Postmoderne müssen Biografen sich an der Schriftstellerin Virginia Woolf orientieren: Die hielt eine Biografie erst für gelungen, wenn sie mindestens zehn Gesichter einer Person erfasse.

Für ein Sahra Wagenknecht-Porträt heißt das: In welchem Assoziations-Kosmos bewegt sich ihr Denken, Fühlen und Handeln? Welche Vorstellungen, Bilder und Annahmen ziehen sich als rote Fäden durch ihre Existenz? Es gilt zu zeigen, dass gerade die politische Kämpferin, die rationale Ökonomin ohne »Irrationalismen«, ohne Visionen und Mythen nicht zu begreifen ist. Ihr Sozialismus ist ein Arkadien, ein Märchenland. Ihre politischen Ideale sind weitreichend durch Literatur, Kunst und Philosophie beeinflusst. Goethe hat sie mehr geprägt als Marx. Und die Auswahl ihrer Liebhaber verrät mehr über sie als die Lektüre ihrer Bücher. Der Mensch ist, was er isst, hat Brecht postuliert. Wagenknecht wurde beim Hummer-Schlemmen ertappt. Was heißt das für eine Kommunistin?

Als Person des öffentlichen Lebens, deren Äußerungen non-stop fotografiert, gefilmt, mitgeschnitten und protokolliert werden, ist sie Kunstfigur, Medienphänomen und Bestandteil einer virtuellen Welt. So präsentierte sie sich in einer Fotoserie als Frida Kahlo oder im Karnevals-TV als Prinzessin Leia aus Star Wars. Ihre Auftritte sind genau choreographiert, sie ist immer perfekt gestylt und geschminkt – mehr Coco Chanel als Rosa Luxemburg. Bilder, die ihre politische Linie auf den symbolischen Punkt bringen, die tiefer wirken als die entstellende Polemik ihrer Gegner.

Noch ein Wort zur Person des Autors: Der Name auf dem Buchcover ist ein Pseudonym. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen und trat als 25-Jähriger 1998 in die PDS ein – wegen Sahra Wagenknecht. Als sie damals in NRW Wahlkampf machte, folgte ich ihren Auftritten, hing an ihren Lippen. 20 Jahre blieb ich Mitglied und Funktionär auf lokaler Ebene – bis ich 2018 von der Fahne ging. Auch das hatte mit ihr zu tun, wie ich zeigen werde. Aus dieser aktiven Zeit habe ich noch viele Verbindungen in ihr Umfeld, die mir beim Schreiben dieser Biografie nützlich waren. Überdies habe ich fleißig Dokumente und Zeitungsartikel über sie gesammelt und natürlich alles verschlungen, was von ihr kam. Ich habe wahrscheinlich ein größeres Wagenknecht-Archiv als das Karl-Liebknecht-Haus…

Besonders jetzt, wo sie eine eigenen Partei gründet, vielleicht über Kurs und Werdegang dieses Landes mitentscheiden wird, ist die Frage nach ihrer Person wichtiger denn je. Bringt sie den Sozialismus zurück – oder bietet sie sich der AfD zur Kooperation an? Wer wissen will, wohin Wagenknecht geht, muss im Blick haben, woher sie kommt. Meine – natürlich nicht autorisierte – Biografie zeichnet ihre Wege nach … und ihre Abwege.

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Inhalt

Vorwort

I. Kindheit und Jugend

II. Das schönste Gesicht des Stalinismus

III. Von der Theorie zur Praxis

IV. Die Lafontainsche Wende

V. Raus aus dem linken Ghetto

VI. Aufbruch und Scheitern

VII. Der Weg zur eigenen Partei

Ausblick

Chronologie

Bibliographie

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